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Kritisches Denken - Kurzgesagt

diskutierende Menschen

Hier geben wir eine sehr kurze Zusammenfassung des gesamten Tutoriums zum Kritischen Denken.

Wenn Sie sich fragen, ob dieses Buch für Sie geeignet ist, dann lesen Sie hier weiter.

Was ist Kritisches Denken?​

Kritisches Denken ist eine Lebensversicherung.

Kritisches Denken ist eine Art, nicht blind gegen die Wand zu fahren oder in den Abgrund zu springen.

Kritisches Denken hilft uns sicherzugehen, dass wir gute Gründe haben für alles, was wir glauben oder meinen, bevor wir handeln.

Oder etwas akademischer: Kritisches Denken beschreibt all die Fähigkeiten und Einstellungen, die es uns erlauben, Wissen von Meinung zu unterscheiden: wahr von falsch, gute von schlechten Gründen, schlüssige Argumente von Scheinargumenten, Schein von Sein zu trennen.

Wir sind handelnde Wesen und müssen ständig entscheiden​

Wir sind Wesen mit Zielen, Werten und Überzeugungen. Um unsere Ziele zu erreichen und unsere Werte zu leben, handeln wir und dazu müssen wir Entscheidungen treffen.

Wir entscheiden uns jeden Tag, oft automatisch oder unbewusst, für das eine oder das andere auf der Grundlage von Behauptungen oder Meinungen über die Welt.

Als kritisch denkender Mensch hinterfragen Sie alle Behauptungen, Meinungen und Überzeugungen: von sich selbst, von Freunden und Mitmenschen, vom Staat, von Organisationen und von Firmen ... von allen, die Ihnen sagen wollen, was gut für Sie ist.

Um Ihre kurz- oder längerfristigen Ziele zu erreichen, müssen Sie gut informierte Entscheidungen treffen, für sich, Ihre Mitmenschen und Ihre Umwelt.

Entscheidungen treffen wir, um zu handeln.

Richtige Entscheidungen zu treffen, um 'richtig' zu handeln, ist eine Kunst und eine Wissenschaft zugleich.

Handeln

Handeln = Begehren + Wissen

— David Hume 1

Jedes Handeln, jede Entscheidung, die wir treffen, basiert auf zwei fundamentalen Fragen:

  1. Wo wollen Sie hin? = Ziele / Begehren.
    Das sind die Ziele, die wir anstreben oder begehren. Diese hängen zum einen von unserer menschlichen Konstitution ab. Wir brauchen Nahrung, Wärme, Sicherheit, soziale Kontakte, Sexualität, usw.
    Zum anderen werden unsere Ziele von unseren familiären und kulturellen Werten bestimmt, die wir als soziale Wesen in unserer Kultur gelernt haben. Das sind Werte und Normen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Toleranz, Respekt, Mitgefühl, Solidarität, Ehrlichkeit oder das Gegenteil davon.

  2. Wie kommen Sie da hin? = Wissen.
    Der zweite Aspekt ist das Wissen, das wir brauchen, um unsere Ziele zu erreichen. Sie brauchen Wissen von der Welt. Gute Entscheidungen sind die, die auf Wahrheit (in einem pragmatischen Sinne) basieren und nicht auf Irrtum.

Kriterien für "richtige Entscheidungen" und "richtiges" Handeln​

Die Frage aller Fragen ist natürlich: Wie unterscheide ich "richtige" von "falschen" Entscheidungen? Das ist ganz konkret in vielen Situationen wichtig:

  • Soll ich den Job wechseln oder nicht?
  • Soll ich kurzfristig planen und mit Kohle heizen oder langfristig ökologisch planen?
  • Soll ich das Auto nehmen oder das Fahrrad?
  • Soll ich ein Haus kaufen oder mieten?

Es gibt keine allgemeingültige Antwort auf diese Fragen, denn sie hängen von Ihren individuellen Zielen und Werten ab. Aber Philosophen denken seit tausenden von Jahren darüber nach und haben einige Kriterien entwickelt, die Ihnen helfen können, "richtige Entscheidungen" zu treffen.

Wir werden viele dieser Kriterien im Laufe des Tutorials noch genauer besprechen. Hier eine kurze Übersicht:

  • Wahrheit: Überzeugungen sollten mit den Fakten übereinstimmen (Fehler = ineffiziente oder schädliche Mittel).
  • Konsistenz und Kohärenz: Ziele dürfen sich nicht gegenseitig widersprechen und Mittel sollten zu allen relevanten Zielen passen.
  • Klarheit: Es ist besser, wenn Sie Ihre Ziele explizit formulieren (Bedürfnisse, Begierden bewusst machen). Und auch beim Mittelwissen ist Klarheit wichtig (Was weiß ich genau, was nicht?).
  • Proportionalität: Wir müssen oft in Situationen entscheiden, in denen wir nicht alle Informationen haben. Deswegen sollte die Stärke Ihres Handelns proportional zur Stärke der gerechtfertigten Gründe sein.
  • Revisionierbarkeit: Sie können und sollten sowohl Ihre Ziele und Grundüberzeugungen gelegentlich hinterfragen, als auch das Mittelwissen (bei neuer Evidenz) an die Realität anpassen. Werden Sie fähig, Ihre Meinung mit guten Gründen zu ändern.

Warum ist Kritisches Denken wichtig?​

Wie wir gerade gesehen haben: Die Methode des Kritischen Denkens hilft Ihnen dabei, richtig zu handeln.

Eins ist sicher: ohne Kritisches Denken, wenn Sie nicht kritisch denken können oder wollen, sind Sie folgenden Gefahren ausgesetzt:

  • Sie sehen nicht, was ist: Sie leben in einer Scheinwelt, sind verblendet und wollen die Wirklichkeit nicht wahrhaben.
  • Sie wissen nicht, wohin: Sie folgen Führern wie ein Schaf und wissen nicht, warum.
  • Sie wählen nicht selbst: Andere setzen Ihnen Ihre Ziele (Entfremdung) und sagen Ihnen, was Sie glauben, essen und wollen sollen.
  • Sie merken nicht, wer Sie lenkt: Sie werden zum leichten Opfer von Manipulation und Ausbeutung.

Sie glauben, was man Ihnen sagt.
Sie wollen, was man Ihnen verkauft.
Sie gehen, wohin man Sie schickt.

Das klingt nach Gewalt, nach Totalitarismus, nach Entfremdung. Nicht nach Freiheit. Nicht nach Selbstbestimmung.

Sie leben dann ein fremdes Leben: mit fremden Gedanken, fremden Wünschen, fremden Zielen. Wollen Sie das?

Vielleicht nicht. Vielleicht wollen Sie ja mündig sein. Das ist zum Teil kulturabhängig.

Emanzipation = Selbstbestimmung​

Wörtlich bedeutet Emanzipation: von der Hand lassen 2. Das heißt, kein Sklave oder unmündiges Kind mehr zu sein.

Kritisches Denken erlaubt Ihnen, sich selbst zu bestimmen:

  • Sie können erkennen, was wirklich gut für Sie ist, und nicht nur, was man Ihnen als gut verkauft.
  • Sie können wählen, was Sie wollen, statt zu wollen, was andere für Sie gewählt haben.
  • Sie können handeln, wie Sie wollen: im Rahmen der Gesetze und mit Achtung vor den anderen.
  • Sie können zweifeln, wo alle sicher sind, und vertrauen, wo Sie gute Gründe haben.
  • Sie können Ihre Meinung ändern, ohne Ihr Gesicht zu verlieren.

Sie sehen die Welt, wie sie ist, nicht wie andere sie Ihnen malen.
Sie folgen Gründen, nicht Führern.
Sie wissen, wohin Sie gehen, und warum.

Zitat

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit."

— Immanuel Kant: Was ist Aufklärung3

 

Kritisches Denken: Fähigkeiten und Einstellung​

Kritisches Denken hat zwei Hemisphären.

tipp

Kritisches Denken = Richtig + Kritisch

Das kritische Denken hat zwei wesentliche Aspekte:

  1. Wie denkt man richtig?
    Die Antwort darauf ist eine Fähigkeit, wie "Fahrrad fahren" oder "einen Apfelstrudel backen".

  2. Wie denkt man kritisch?
    Die Antwort darauf ist eine Einstellung, wie "auf der Hut sein", die wir bei Gelegenheit einnehmen.

Wenn Sie sich unsicher sind, ob Sie das eine oder das andere beherrschen, keine Sorge: beides kann man lernen.

Beide Aspekte werden wir im Folgenden kurz vorstellen.

Wie denken Sie richtig?​

Zuerst einmal können Sie sich fragen: Was heißt es, richtig zu denken, und kann ich das lernen? Sie können es natürlich lernen, indem Sie ein paar Fähigkeiten trainieren: logisch denken, argumentieren, Sprachverhexung vermeiden, Quellen prüfen, Fehlschlüsse und Biases erkennen und Paradoxien verstehen.

Logisch denken​

Was heißt "logisch denken"? Wir können doch alle immer schon denken.

Definition

Logisch denken können heißt: von wahren Voraussetzungen auf wahre Schlussfolgerungen schließen können.

Die Logik ist ein riesiges Fach, aber zum Glück für uns Laien brauchen wir im Alltag nur ganz wenig davon, die wesentlichen Grundlagen.

Die wesentlichen Grundlagen der Logik sollten Sie aber beherrschen, sonst verstehen Sie nur Bahnhof.

Argumentieren​

Argumentieren hat etwas mit Logik zu tun. Aber nicht alle guten Argumente sind formal logisch gültig.

Sie müssen also verstehen lernen, wie man richtig argumentiert und wie Leute tatsächlich argumentieren.

Sie müssen verstehen, wie gute Argumente funktionieren und warum schlechte Argumente fehlerhaft sind.

Sprachverhexung​

Um klar und kritisch zu denken, müssen wir lernen, Sprachfallen und Sprachverhexungen aufzudecken und sie zu umgehen.

Sprache ist kein starres System, sie lebt, wandelt sich und entzieht sich oft jeder Kontrolle. Sehr oft spielt uns die Sprache selbst einen Streich. Hier sind ein paar Beispiele:

  • Geladene Sprache, z. B.: "Unser unterbelichteter Präsident hat gesagt ..." Da hat jemand eine Meinung über den Präsidenten, die er uns unterschieben will.
  • Unsinn, z. B.: "Wie spät ist es eigentlich auf dem Mond gerade?" Da wird eine absurde Frage aufgeworfen, die lustig sein kann, uns aber auch vorgaukelt, dass es eine sinnvolle Antwort darauf gibt.
  • Schiefe Definitionen, z. B.: "Der Mensch ist ein federloser Zweibeiner, mit platten Fingernägeln und Vernunft." Das ist eine klassische Definition, die vielleicht zutrifft, aber nicht so richtig überzeugend ist.

Exakte Sprache mit präzisen Begriffen, das brauchen wir im Recht, auf der Arbeit, in der Wissenschaft und Technik. In der Politik wäre es auch mal ganz gut.

Im Alltag dagegen, in der Kommunikation, in der Musik usw., da hilft exakte Sprache auch, aber oft suchen wir nach mehr Spiel in der Sprache. Auf Grillpartys oder beim Flirten, da ist Präzision nicht gefragt. Da ist es besser, wenn die Sprache feiert.

Quellen- und Datenprüfung​

Eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir lernen oder beherrschen sollten, ist die, unsere Quellen überprüfen zu können. Alle unsere Überzeugungen stützen sich auf Quellen ganz verschiedener Art: Textquellen, Erzählungen, eigene Erfahrungen oder die Erzählungen Anderer. Die Qualität unserer Quellen ist dabei sehr unterschiedlich. Hier ein paar Beispiele:

  • "Die beste Art, schnell reich zu werden, ist, mein Buch zu kaufen" tiktok ads
  • "Rauchen ist cool und nicht schädlich für die Gesundheit!", gezeichnet Dr. Marlboro marlboro
  • "Die Mehrheit der Amerikaner geht davon aus, dass Kennedy Opfer einer Verschwörung wurde". (Wikipedia) wikipedia
  • "Der Einfluss des Menschen auf das Klima ist eindeutig" Weltklimarat (IPCC) ipcc

Ich lasse Sie entscheiden, wem Sie lieber vertrauen.

Klassische Fehlschlüsse (Fallacy)​

Eine weitere wichtige Fähigkeit ist die, sich nicht von Fehlschlüssen in die Irre leiten zu lassen. Einige der besten Bücher zum Thema "Kritisches Denken" beschäftigen sich fast ausschließlich mit Fehlschlüssen oder den Verzerrungen, die unser Denken beeinflussen.
Bekannte Beispiele für klassische Fehlschlüsse sind:

  • Ad Hominem: Angriff auf die Person statt auf das Argument.
  • Strohmann: Das Argument des Gegners wird verzerrt, um es leichter angreifen zu können.
  • Falsches Dilemma: Es werden nur zwei Möglichkeiten dargestellt, obwohl es mehr gibt.
  • Zirkelschluss: Die Behauptung wird durch sich selbst begründet.
  • Autoritätsargument: Etwas wird für wahr gehalten, weil eine Autorität es sagt.

Es gibt einen ganzen Zoo von bekannten Fehlschlüssen. Wir werden die wichtigsten im Detail besprechen.

Kognitive Verzerrungen (Biases)​

Nicht nur Fehlschlüsse, sondern auch kognitive Verzerrungen stehen unserer Rationalität auf den Füßen. Diese Verzerrungen (Biases) sind oft tief in unserem Gehirn verankert und können uns blind für die Realität machen. Bekannte Beispiele für kognitive Verzerrungen sind:

  • Konfirmationsbias: Wir suchen oder akzeptieren nur Informationen, die unsere Meinung bestätigen.
  • Anker-Effekt: Unsere Meinung wird durch den ersten Eindruck beeinflusst.
  • Halo-Effekt: Ein gutes Gesamtbild führt zu positiven Urteilen in allen Bereichen.
  • Selbstüberbewertung: Wir sind oft zu optimistisch über unsere Fähigkeiten und Leistungen.

Auch hier gibt es dutzende Beispiele: lustige, überraschende, besorgniserregende und beinahe gefährliche, die wir später im Detail besprechen werden. Wir sehen als Menschen dabei so dumm und bemitleidenswert aus, dass wir uns fragen: wieso lernen wir das nicht in der Schule?

Paradoxien und Dilemmas​

Was richtiges Denken von fehlerhaftem Denken unterscheidet, kann man gut in Extremsituationen erkennen.
Wir lernen Denken da, wo unser Denken an den Rand des Denkbaren gerät: an den Steilhängen der Paradoxien und Dilemmas, da wo die Widersprüche hausen.
Da finden wir uns nicht mehr zurecht und sind ratlos. Da müssen wir überlegen, ob wir unsere üblichen Denkweisen anwenden können oder ob wir neue Denkweisen entwickeln müssen, um die Situation zu meistern.

Typische Beispiele für Paradoxien und Dilemmas sind:

Logische Paradoxien​

  • Paradoxien des Unendlichen: das unendlich Kleine und das unendlich Große. Es gibt mächtigere Unendlichkeiten als die unendliche Menge der natürlichen Zahlen.
  • Zenonsche Paradoxien der Bewegung (Achilles und die Schildkröte): Wenn Achilles schneller läuft als eine Schildkröte, wie kann er sie jemals einholen, wenn sie einen Vorsprung hat?
  • Paradoxon von Theseus: Wenn man alle Planken eines alten Schiffes wechselt, ist es noch dasselbe Schiff?
  • Paradoxon des Epimenides: Epimenides, der Kreter, sagt, dass alle Kreter lügen. Lügt er?
  • Paradoxon von Russell: Die Menge M aller Mengen, die sich nicht selbst enthalten. Enthält M sich selbst oder nicht?

Ethische Dilemmas​

  • Das Theodizee-Problem: Warum gibt es so viel Leid in der Welt, wenn es einen allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott gibt?
  • Trolley-Problem: Wenn Sie eine Schienenweiche umstellen, dann stirbt eine Person. Wenn Sie nichts tun, fährt der Zug in einen Kinderbus. Was tun Sie?
  • Das Gefangenendilemma: Zwei Gefangene müssen entscheiden, ob sie gestehen oder schweigen, vom Verrat profitieren oder von der Solidarität. Was ist die beste Strategie?
  • Das Dilemma der Meinungsfreiheit: Wenn es absolute Meinungsfreiheit gibt, müssen wir dann Intoleranz tolerieren und in Kauf nehmen, dass man uns der Meinungsfreiheit beraubt?

Das alles gehört zum richtigen Denken dazu. Was aber ist das "Kritische" am kritischen Denken?

Wie denken Sie kritisch?​

Jetzt kommen wir zum kritischen Teil. "Kritisch" ist hier eine unabdingbare Einstellung zu sich selbst, zu jeder Art von Behauptung, Hypothese, Theorie, zu Quellen aller Art, zur Wissenschaft und Kultur und selbst zu Werten.

  • Nicht immer: Das soll nicht heißen, dass wir immer überall und alles hinterfragen sollten. Oh nein, bitte nicht, da würden Sie verrückt werden.
  • Wenn es wehtut: Etablierte Theorien oder in Ihrer Kultur verwurzelte Werte kann man nicht ständig in Frage stellen. Manchmal aber schon. Eben dann, wenn sich Widersprüche mit dem Leben oder den Wissenschaften auftun. Widersprüche sind das Treibmittel des Fortschritts.

Selbstkritik​

Die meisten von uns sind totale Egozentriker. Meistens wissen wir schon, wo wir hinwollen, wofür oder wogegen wir sind. Wir sind eben immer schon Teil einer Kultur oder Subkultur.

Wir sind voller Überzeugungen und sind uns oft ganz sicher.

Die meiste Energie unseres Denkens benutzen wir nicht, um angemessene oder "richtige" Lösungen für gegebene Probleme zu finden, sondern um unsere Vorurteile zu bestätigen.

Unsere Gesellschaft ist voller gegensätzlicher Überzeugungen:

  • Es gibt
    • a) nur einen Gott und dieser ist zufällig der, an den ich glaube. Gott sei Dank!
    • b) an Gott kann man glauben, wie man will, es ist nur kein wissenschaftlicher Ausdruck.
  • Die Erde ist
    • a) ungefähr rund.
    • b) flach oder eckig.
  • Covid-19 war
    • a) eine schwere Epidemie,
    • b) eine Verschwörung der Weltregierung.
  • Homosexualität ist
    • a) ein natürliches Phänomen, gibt's bei Tieren und ist moralisch neutral,
    • b) eine Krankheit und Gott nicht gefällig.
  • Wir konstatieren
    • a) eine menschengemachte Klimakrise
    • b) bestreiten dies.

Bei vielen Themen haben wir:

  1. sehr oft keine Ahnung von der Materie
  2. trotzdem meistens eine feste Überzeugung.

 

Übung

Bitte zehnmal nachsagen:

"Ich kann mich irren, ich habe mich schon oft geirrt, ich werde mich wieder irren."

Fehlersuche​

Ist es schlimm, dass wir uns irren?

Nein. Wenn wir uns verbessern wollen, dann müssen wir offen sein für Fehlersuche, konstruktive Kritik, Hinterfragung.

Solange es uns nicht persönlich wehtut, sind wir oft bereit, Fehler zu suchen.

  • Bei Examen in der Schule sagte die Lehrerin: überprüfe deine Resultate, bevor du abgibst.
  • In der Technik nennen wir es Testen.
  • In der Produktion heißt es Qualitätskontrolle.
  • In der Wissenschaft fragen wir andere nach "Peer-Reviews".

Zuhören und Offenheit​

Ein anderer wichtiger Punkt des kritischen Denkens ist das Zuhören und die Offenheit für andere Meinungen.

  • Wir sollten mehr zuhören, ohne immer gleich zu urteilen. Das ist die Basis einer offenen Gesellschaft.

  • Offen sein für die Erfahrung Anderer.

  • Oft hören wir nicht einmal den Satz zu Ende und haben schon geurteilt.

  • Andere Menschen haben andere Prioritäten und wir haben schräge Meinungen dazu:

  • das Kind will ein neues Spielzeug (was für ein Unsinn, braucht nicht noch eins)

  • der Jugendliche träumt davon, ein Musikstar zu sein (das wird ja eh nix, hast du den mal singen gehört?)

  • jemand will einen neuen Sportwagen (wozu das denn, das ist teuer und verpestet die Umwelt)

  • jemand isst seit Jahren kein Fleisch mehr (das ist ideologisch hirnverbrannt und gesundheitsschädlich)

Hier brauchen wir eine Änderung der Einstellung. Wir sollten offener sein für Gegenargumente und andere Meinungen im Allgemeinen.

Zurückhaltung meines Urteils​

Im kritischen Denken ist die Zurückhaltung des Urteils ein zentraler Punkt. Das haben wir gerade schon angesprochen.

Nicht alle Rechten sind Nazis, nicht alle Linken sind Chaoten.

Schon in der Antike ist die Zurückhaltung des Urteils, als Epoché (ἐποχή) bezeichnet, ein wichtiger Punkt in der Philosophie und wurde von Philosophen wie Pyrrhon und Sextus Empiricus hervorgehoben.
Auch im Zen-Buddhismus wird die Zurückhaltung des Urteils durch das Prinzip des Nicht-Anhaftens (Non-Attachment, 無執着, Mu-shūjaku)4 verkörpert. Es bedeutet, sich nicht an festen Meinungen oder Überzeugungen festzuhalten.

Vorteile der Zurückhaltung des Urteils​

  • Offenheit für neue Informationen: Zurückhaltung des Urteils ermöglicht es, neue Informationen und Perspektiven zu berücksichtigen, ohne voreilige Schlüsse zu ziehen.
  • Vermeidung von Voreingenommenheit: Durch das Zurückhalten des Urteils kann man vermeiden, dass vorgefasste Meinungen und Vorurteile die Analyse beeinflussen.
  • Gründliche Analyse: Es erlaubt uns eine gründlichere und objektivere Analyse der vorliegenden Informationen und Argumente.
  • Flexibilität im Denken: Zurückhaltung des Urteils fördert die Flexibilität im Denken und ermöglicht es, verschiedene Sichtweisen zu berücksichtigen.

Ein Diagramm zur Zusammenfassung​

 

Nach diesem sehr kondensierten Überblick über das kritische Denken kommen wir nun zu den Details!

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Footnotes​

  1. Hume erklärt, dass Handlungen durch unsere Begierden oder Ziele motiviert sind und dass Wissen uns hilft, diese Ziele zu erreichen. "A Treatise of Human Nature", Buch II, Teil 3, Abschnitt 3, "Of the Influencing Motives of the Will" (1739—40). ↩

  2. Emanzipation kommt vom lateinischen ēmancipāre: ē (heraus, weg) + mancipium (Eigentum durch Handergreifung), aus manus (Hand) und capere (nehmen, ergreifen). Wer in mancipio war, gehörte also buchstäblich jemandem, der „die Hand auf ihn gelegt“ hatte; mancipium konnte deshalb auch schlicht „Sklave“ bedeuten (DWDS: emanzipieren).
    Im römischen Recht bezeichnete emancipatio die Entlassung eines Sohnes aus der väterlichen Gewalt (patria potestas): Erst dadurch wurde er rechtlich selbstständig, also mündig (Wikipedia: Patria potestas). Schon das Zwölftafelgesetz (um 450 v. Chr.) bestimmte: „Si pater filium ter venum duit, filius a patre liber esto“ („Wenn der Vater den Sohn dreimal verkauft, soll der Sohn vom Vater frei sein“). Das Verfahren verband deshalb dreimaligen Scheinverkauf (mancipatio) mit Freilassung (manumissio), also mit demselben Rechtsakt, durch den Sklaven freigelassen wurden (Gaius, Institutiones I, 132; VRoma: Gaius on Emancipation). Freilassung des Sklaven und Mündigwerden des Kindes sind so von Anfang an eng verwandt: Beide lösen einen Menschen aus der „Hand“ eines anderen.
    Seit dem 17. Jahrhundert wird das Wort allgemein im Sinn von „sich von Zwang befreien“ gebraucht; im 19. Jahrhundert wurde es zum politischen Schlagwort (Frauenemanzipation, Judenemanzipation, Sklavenemanzipation) (Wortgeschichte digital: Emanzipation). ↩

  3. Einleitung in Kants berühmten Aufsatz ("Was ist Aufklärung")
    Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. ↩

  4. Zen lehrt, sich nicht an Ansichten, Emotionen oder Wahrnehmungen zu klammern. Das entspricht der pyrrhonischen Enthaltung, aber mit einem entscheidenden Unterschied:
    Epoché sagt: "Ich halte mich nicht fest, um Ruhe zu finden."
    Zen sagt: "Ich halte mich nicht fest, weil Festhalten selbst die Ursache des Leidens ist." ↩