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Argumente analysieren

Im Alltag begegnen uns Argumente selten in sauberer Form. Gründe und Behauptung stehen durcheinander, manches bleibt unausgesprochen, und rhetorische Verzierungen verdecken die eigentliche Struktur. Ein Argument zu analysieren heißt, es aus dieser Verpackung zu lösen und seinen logischen Kern sichtbar zu machen.

Prämissen und Konklusion erkennen​

Ein Argument besteht aus zwei Sorten von Aussagen: den Prämissen, also den Gründen, Belegen und Annahmen, und der Konklusion, der Aussage, die dadurch gestützt werden soll. Prämissen können ausdrücklich genannt oder stillschweigend vorausgesetzt sein, und eine Konklusion kann in einem größeren Zusammenhang selbst wieder als Prämisse dienen.

Beim Lesen und Zuhören verraten sich die beiden Sorten oft durch Signalwörter:

Prämissen-SignaleKonklusions-Signale
weil, da, denn, aufgrund, schließlich, angesichts der Tatsachealso, daher, deshalb, folglich, somit, daraus folgt, das zeigt, das beweist

Fehlen solche Wörter, hilft eine einfache Doppelfrage: "Was wird behauptet?" führt zur Konklusion, "Warum sollte ich das glauben?" führt zu den Prämissen.

Ein Argument rekonstruieren​

Eine Rekonstruktion folgt meist diesen Schritten:

  1. Konklusion finden. Frage: Wovon will mich der Sprecher überzeugen? Signalwörter wie also, daher, deshalb helfen. Oft steht die Konklusion am Anfang oder am Ende.
  2. Prämissen sammeln. Frage: Welche Gründe werden für die Konklusion angeführt? Signalwörter sind weil, da, denn.
  3. Versteckte Annahmen ergänzen. Frage: Was muss zusätzlich gelten, damit die Gründe die Konklusion tragen? Diese impliziten Prämissen sind oft die eigentliche Schwachstelle (siehe Versteckte Annahmen erkennen).
  4. In Standardform bringen. Schreibe die Prämissen nummeriert auf und darunter die Konklusion. So wird die Struktur prüfbar.
Beispiel

Aussage: "Du solltest diesen Pilz nicht essen, er könnte giftig sein, schließlich kennst du ihn nicht."

Rekonstruktion in Standardform:

  1. (Prämisse) Du kennst diesen Pilz nicht.
  2. (implizite Prämisse) Pilze, die man nicht kennt, könnten giftig sein.
  3. (implizite Prämisse) Was giftig sein könnte, sollte man nicht essen.
  4. (Konklusion) Du solltest diesen Pilz nicht essen.

Das Toulmin-Schema anwenden​

Für komplexere Argumente hilft das Toulmin-Schema, weil es nicht nur Prämissen und Konklusion trennt, sondern auch die Brücke zwischen ihnen und die Grenzen des Arguments sichtbar macht. Man fragt das Argument der Reihe nach ab:

FrageToulmin-Element
Was wird behauptet?Behauptung (Claim)
Worauf stützt sie sich?Tatsachen (Data)
Warum tragen diese Daten die Behauptung?Schlussregel (Warrant)
Worauf beruht diese Schlussregel?Grundsätze (Backing)
Wie sicher gilt die Behauptung?Einschränkung (Qualifier)
Wann gilt sie nicht?Ausnahme (Rebuttal)

Hier ist eine Graphik aus der englischen Wikipedia. Es benutzt die Originaltermini wie Fact, Conclusion, Warrant, Backing, Rebuttal:

toulmin argumentation english1

Unser Sokrates Syllogismus vom Anfang würde hier so aussehen:

Toulmin-Schema für das Sokrates-Argument: Daten und Schlussfolgerung oben, darunter Schlussregel mit Stützung sowie ein Einwand zur Schlussfolgerung

Juristisches Beispiel

Aussage: "Harald ist vermutlich strafmündig, denn er ist 16 und damit über 14, und in Deutschland ist man ab 14 strafmündig — es sei denn, ein Gutachten bescheinigt ihm fehlende Reife."

  • Tatsachen: Harald ist 16 Jahre alt.
  • Behauptung: Harald ist strafmündig.
  • Schlussregel: Wer über 14 ist, ist strafmündig.
  • Grundsätze: § 19 StGB regelt die Strafmündigkeit ab 14 Jahren.
  • Einschränkung: "vermutlich".
  • Ausnahme/Einwand: es sei denn, ein Gutachten bescheinigt fehlende Reife.

Vom Zerlegen zum Bewerten​

Erst die Rekonstruktion macht eine faire Bewertung möglich. Mit der freigelegten Struktur kannst du gezielt prüfen:

  • Sind die Prämissen wahr oder zumindest vertretbar?
  • Sind sie relevant für die Konklusion und stützen sie sie ausreichend? (siehe Merkmale guter Argumente)
  • Trägt die Schlussregel wirklich, oder steckt dort eine fragwürdige Annahme?
  • Greift eine Ausnahme, die das Argument entkräftet?

Wie viel das bringt, zeigt sich, sobald ein Argument in Standardform steht: Fehler, die im Fließtext plausibel klingen, springen dann ins Auge.

Beispiel

Aussage: "Da alle Planeten unseres Sonnensystems die Sonne umkreisen und Pluto die Sonne umkreist, muss Pluto ein Planet unseres Sonnensystems sein."

Rekonstruktion in Standardform:

  1. (Prämisse) Alle Planeten unseres Sonnensystems umkreisen die Sonne.
  2. (Prämisse) Pluto umkreist die Sonne.
  3. (Konklusion) Pluto ist ein Planet unseres Sonnensystems.

Bewertung: Beide Prämissen sind wahr, die Konklusion folgt trotzdem nicht. Das Argument verwechselt eine notwendige mit einer hinreichenden Bedingung: Das Umkreisen der Sonne ist für einen Planeten nötig, genügt aber nicht, sonst wären auch Asteroiden und Kometen Planeten (siehe Notwendige versus hinreichende Bedingungen).

Auf den nächsten Seiten vertiefen wir das Aufspüren versteckter Annahmen und üben die Analyse an konkreten Beispielen.

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Footnotes​

  1. Wikipedia: Toulmin model of argument ↩