Argumente analysieren
Im Alltag begegnen uns Argumente selten in sauberer Form. Gründe und Behauptung stehen durcheinander, manches bleibt unausgesprochen, und rhetorische Verzierungen verdecken die eigentliche Struktur. Ein Argument zu analysieren heißt, es aus dieser Verpackung zu lösen und seinen logischen Kern sichtbar zu machen.
Ein Argument rekonstruieren
Eine Rekonstruktion folgt meist diesen Schritten:
- Konklusion finden. Frage: Wovon will mich der Sprecher überzeugen? Signalwörter wie also, daher, deshalb helfen. Oft steht die Konklusion am Anfang oder am Ende.
- Prämissen sammeln. Frage: Welche Gründe werden für die Konklusion angeführt? Signalwörter sind weil, da, denn.
- Versteckte Annahmen ergänzen. Frage: Was muss zusätzlich gelten, damit die Gründe die Konklusion tragen? Diese impliziten Prämissen sind oft die eigentliche Schwachstelle (siehe Versteckte Annahmen erkennen).
- In Standardform bringen. Schreibe die Prämissen nummeriert auf und darunter die Konklusion. So wird die Struktur prüfbar.
Aussage: "Du solltest diesen Pilz nicht essen, er könnte giftig sein, schließlich kennst du ihn nicht."
Rekonstruktion in Standardform:
- (Prämisse) Du kennst diesen Pilz nicht.
- (implizite Prämisse) Pilze, die man nicht kennt, könnten giftig sein.
- (implizite Prämisse) Was giftig sein könnte, sollte man nicht essen.
- (Konklusion) Du solltest diesen Pilz nicht essen.
Das Toulmin-Schema anwenden
Für komplexere Argumente hilft das Toulmin-Schema, weil es nicht nur Prämissen und Konklusion trennt, sondern auch die Brücke zwischen ihnen und die Grenzen des Arguments sichtbar macht. Man fragt das Argument der Reihe nach ab:
| Frage | Toulmin-Element |
|---|---|
| Was wird behauptet? | Behauptung (Claim) |
| Worauf stützt sie sich? | Tatsachen (Data) |
| Warum tragen diese Daten die Behauptung? | Schlussregel (Warrant) |
| Worauf beruht diese Schlussregel? | Grundsätze (Backing) |
| Wie sicher gilt die Behauptung? | Einschränkung (Qualifier) |
| Wann gilt sie nicht? | Ausnahme (Rebuttal) |
Aussage: "Harald ist vermutlich strafmündig, denn er ist 16 und damit über 14, und in Deutschland ist man ab 14 strafmündig — es sei denn, ein Gutachten bescheinigt ihm fehlende Reife."
- Tatsachen: Harald ist 16 Jahre alt.
- Behauptung: Harald ist strafmündig.
- Schlussregel: Wer über 14 ist, ist strafmündig.
- Grundsätze: § 19 StGB regelt die Strafmündigkeit ab 14 Jahren.
- Einschränkung: "vermutlich".
- Ausnahme: es sei denn, ein Gutachten bescheinigt fehlende Reife.
Vom Zerlegen zum Bewerten
Erst die Rekonstruktion macht eine faire Bewertung möglich. Mit der freigelegten Struktur kannst du gezielt prüfen:
- Sind die Prämissen wahr oder zumindest vertretbar?
- Sind sie relevant für die Konklusion und stützen sie sie ausreichend? (siehe Merkmale guter Argumente)
- Trägt die Schlussregel wirklich, oder steckt dort eine fragwürdige Annahme?
- Greift eine Ausnahme, die das Argument entkräftet?
Auf den nächsten Seiten vertiefen wir das Aufspüren versteckter Annahmen und üben die Analyse an konkreten Beispielen.