Das philosophische Einmaleins
Die sogenannte abendländische Philosophie
Die gesamte europäische Philosophie als Fußnote zu Platon
The safest general characterization of the European philosophical tradition is that it consists of a series of footnotes to Plato.
Alfred North Whitehead1
Ein großartiges Zitat, eine grobe Übertreibung und ein Körnchen Wahrheit.
Was finden wir nicht alles schon bei Platon: die Ideenlehre (Metaphysik), die Frage, was Wissen von bloßer Meinung unterscheidet (Theaitetos), den idealen Staat (Politeia), das Nachdenken über Sprache (Kratylos) und über die Liebe (Symposion). Sogar die Kunstkritik ist schon da: Die Dichter will Platon aus seinem Staat verbannen, weil sie nur Abbilder von Abbildern liefern. Und das Höhlengleichnis ist bis heute das Urbild aller Aufklärung: die Befreiung aus einer Welt der Schatten. Übertrieben ist das Zitat trotzdem: Vieles, was später kam (die experimentelle Naturwissenschaft, die Logik von Frege, die Evolutionstheorie), hätte Platon nicht einmal als Fußnote wiedererkannt.
Epochen
Die europäische Philosophiegeschichte wird meist grob so eingeteilt:
- Antike (ca. 600 v. Chr. bis 529 n. Chr.): von den Vorsokratikern über Platon und Aristoteles bis zu Stoa, Epikureern und Neuplatonismus.
- Mittelalter (ca. 500 bis 1450): Patristik und Scholastik, also Philosophie im Dienst und im Streit mit der Theologie.
- Renaissance und Frühe Neuzeit (ca. 1450 bis 1700): Humanismus, Rationalismus (Descartes, Spinoza, Leibniz) und Empirismus (Locke, Hume).
- Aufklärung und Deutscher Idealismus (ca. 1700 bis 1830): Kant, Fichte, Schelling, Hegel.
- 19. und 20. Jahrhundert: Marx, Nietzsche, Existenzialismus, Phänomenologie und die Spaltung in analytische und kontinentale Philosophie.
Die Grenzen folgen oft historischen Einschnitten mehr als philosophischen: 529 schloss Kaiser Justinian die Akademie in Athen, im 12. und 13. Jahrhundert kam Aristoteles über arabische Übersetzungen nach Europa zurück, der Buchdruck und die Reformation brachen das Deutungsmonopol der Kirche. Die wissenschaftliche Revolution, die Französische Revolution, die Industrialisierung und die Weltkriege stellten jeweils neue Fragen. Und die Emigration vieler Philosophen vor den Nazis trug die analytische Philosophie in die englischsprachige Welt, während Frankreich und Deutschland eigene Wege gingen.
Felder
Die klassische Einteilung folgt dem Dreiklang vom Wahren, Guten und Schönen: Logik und Erkenntnistheorie fragen nach der Wahrheit, die Ethik nach dem Guten, die Ästhetik nach dem Schönen. Kant hat das in drei Fragen gefasst: „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?“2 Später fügte er eine vierte hinzu, in der die drei anderen zusammenlaufen: „Was ist der Mensch?“3
Heutige Grunddisziplinen sind:
- Logik: Was ist ein gültiger Schluss?
- Erkenntnistheorie: Was können wir wissen, und wie?
- Metaphysik und Ontologie: Was gibt es überhaupt?
- Ethik: Wie sollen wir handeln?
- Ästhetik: Was ist schön, was ist Kunst?
- Politische Philosophie: Was ist eine gerechte Ordnung?
- Sprachphilosophie, Philosophie des Geistes, Wissenschaftstheorie: Wie funktioniert Sprache, was ist Bewusstsein, was macht Wissenschaft aus?
Wissenschaft, Logik, Literatur oder Psychologie?
Was Philosophie eigentlich ist, darüber sind sich die Philosophen selbst nicht einig. Hier einige Selbstbilder, die sich teilweise heftig widersprechen.
Philosophie als Mutter, die von ihren Kindern gefressen wird
Früher war alles Philosophie. Schon bei Aristoteles finden wir Metaphysik, Logik, Physik, Ethik, Biologie, Rhetorik, Politik und Poetik unter einem Dach. Nach und nach zogen die Kinder aus: Newtons Hauptwerk heißt noch Philosophiae Naturalis Principia Mathematica (1687), mit Wilhelm Wundts Labor in Leipzig (1879) wurde die Psychologie selbstständig, und die Logik wanderte zum Teil in die Mathematik ab. Anders als bei Kronos, der seine Kinder fraß, ist es hier umgekehrt: Jede neue Wissenschaft nimmt der Mutter ein Stück ihres Gebiets weg. Übrig bleiben die Fragen, die noch niemand mit Experimenten beantworten kann.
Philosophie als Fundamentalwissenschaft vom Wissen
Es gab immer Philosophen, die absolut sicheres Wissen wollten. Descartes suchte nach einem unerschütterlichen Fundament,4 Spinoza schrieb seine Ethik „nach geometrischer Methode“ mit Definitionen, Axiomen und Beweisen, und Kant wollte klären, was die Vernunft überhaupt leisten kann, bevor sie etwas behauptet. Noch Husserl forderte eine „Philosophie als strenge Wissenschaft“,5 und die Logischen Positivisten wollten alles Wissen auf Beobachtung und Logik gründen. Religiöse Philosophen suchten ohnehin nach letzten Gewissheiten. Der Traum ist bisher nie ganz aufgegangen, aber er hat viel Klarheit hervorgebracht.
Philosophie als Logik-Maschine
Viele Philosophen waren auch Logiker. Leibniz träumte von einer Universalsprache, in der sich Streit einfach ausrechnen lässt: „Calculemus!“, lasst uns rechnen.6 Frege und Russell schufen die moderne Logik, und Wittgenstein schloss seinen Tractatus mit dem Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“7 Der Wiener Kreis ging noch weiter: Rudolf Carnap erklärte metaphysische Sätze wie Heideggers „Das Nichts selbst nichtet“ schlicht für sinnlos.8 Was nicht nach logischen Gesetzen tanzt, fliegt raus.
Philosophie als Anti-Logik
Für andere ist Philosophie eher ein Geburtsbecken der Ideen, näher an der Poesie als an der Mathematik. Nietzsche philosophierte in Aphorismen, Kierkegaard in Masken und Pseudonymen, und Heidegger schrieb, die „seit Jahrhunderten verherrlichte Vernunft“ sei „die hartnäckigste Widersacherin des Denkens“.9 Deleuze und Guattari definierten Philosophie als die Kunst, Begriffe zu erfinden.10 Oscar Wilde lieferte das passende Motto: „Consistency is the last refuge of the unimaginative“, Widerspruchsfreiheit sei die letzte Zuflucht der Fantasielosen.11
Philosophie als Kulturgeschichte
Hier ist viel Nietzsche: Statt zu fragen, ob eine Moral wahr ist, fragt er, woher sie kommt und wem sie nützt.12 Schon Hegel nannte die Philosophie „ihre Zeit in Gedanken erfaßt“.13 Jede Philosophie ist dann auch ein Spiegel ihrer Epoche, ihrer Sprache und ihrer Machtverhältnisse. Foucault hat diesen Blick später auf Wahnsinn, Gefängnis und Sexualität angewendet (mehr dazu in der Geschichte des kritischen Denkens).
Philosophie als (Meta-)Psychologie
Wenn wir über Denken, Wollen und Fühlen reden, scheint der Weg zur Psychologie nicht weit. Nur spricht die Philosophie von Normen, also davon, wie wir denken, wollen und fühlen sollten, während die Psychologie beschreibt, wie Menschen tatsächlich denken, fühlen und wollen. Um 1900 wurde darüber heftig gestritten: Husserl und Frege wehrten sich gegen den „Psychologismus“, der die Gesetze der Logik für bloße Denkgewohnheiten hielt.14 Heute arbeiten Philosophie und Psychologie wieder enger zusammen, etwa wenn die Psychologie zeigt, wie systematisch wir von den Regeln der Logik abweichen.
Philosophie als Ethik
Nun sind der Philosophie schon fast alle Felle davongeschwommen. Ein Kind wohnt aber noch daheim: das Nachdenken über das gute Handeln, die Ethik. Denn ob etwas richtig ist, lässt sich nicht messen wie eine Temperatur; die Wissenschaften sagen uns, was ist, aber nicht, was sein soll.15 Fast alle „großen“ Philosoph:innen haben deshalb auch ihren Teil zur Ethik beigetragen. Bis heute streiten drei große Schulen: Die Tugendethik fragt nach dem guten Charakter, die Pflichtethik nach dem richtigen Prinzip und der Utilitarismus nach den besten Folgen.
- Aristoteles: Ziel des Lebens ist das Glück (eudaimonía), und die Tugend liegt in der rechten Mitte zwischen zwei Extremen, etwa der Mut zwischen Feigheit und Tollkühnheit (Nikomachische Ethik).
- Thomas von Aquin: Er verbindet Aristoteles mit der christlichen Theologie und begründet ein Naturrecht, das jeder Mensch mit seiner Vernunft erkennen kann (Summa theologiae, 1265 bis 1273).
- Spinoza: Frei wird, wer seine Affekte versteht, statt ihnen blind zu folgen (Ethik, 1677).
- Kant: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ (Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, 1785).
- Bentham und Mill: Richtig ist, was das größte Glück der größten Zahl bewirkt (Mill, Utilitarianism, 1861).
- Nietzsche: Er fordert eine „Umwertung aller Werte“ und stellt der „Sklavenmoral“ eine „Herrenmoral“ gegenüber (Jenseits von Gut und Böse, 1886).
- Hans Jonas: Unsere Verantwortung reicht bis zu den künftigen Generationen (Das Prinzip Verantwortung, 1979).
- Peter Singer: Auch das Leiden der Tiere zählt moralisch (Animal Liberation, 1975).
Philosophie als Literatur
Von Montaigne über Shakespeare, Molière, Goethe, Dostojewski und Tolstoi bis zu Sartre und Camus: Manche der tiefsten philosophischen Gedanken stehen in Essays, Dramen und Romanen. Richard Rorty ging so weit zu behaupten, dass Romane mehr für die menschliche Solidarität getan hätten als philosophische Theorien, weil sie uns das Leiden anderer vor Augen führen.16 Manchmal ist die Literatur mächtiger als die Philosophie, wenn es um das Leben geht.
Persönliche Vorlieben
Was Menschen von der Philosophie wollen, ist so verschieden wie die Menschen selbst:
- Manche wollen sich einfach wohlfühlen: Epikur suchte die Seelenruhe, und die Stoiker übten, sich nicht über das aufzuregen, was man nicht ändern kann.
- Manche wollen ihre bösen Geister vertreiben: Boethius schrieb im Kerker den Trost der Philosophie (ca. 524), und Wittgenstein verglich die Methoden der Philosophie mit Therapien.17
- Manche wollen Erfolg haben: Die Sophisten verkauften Redekunst als Schlüssel zur politischen Karriere, Machiavelli schrieb eine Anleitung für Fürsten (Il Principe, 1532).
- Manche wollen Recht haben: Schopenhauer sammelte ironisch 38 Kunstgriffe dafür (Eristische Dialektik oder Die Kunst, Recht zu behalten, posthum 1864).
- Manche wollen schön reden: Seit Gorgias und Cicero ist die Rhetorik die elegante Schwester der Philosophie, manchmal auch ihre Rivalin.
- Manche wollen die Zusammenhänge verstehen: Für Hegel ist „das Wahre das Ganze“ (Phänomenologie des Geistes, 1807).
- Manche wollen die Ursache ergründen: von den vier Ursachen des Aristoteles bis zum Satz vom zureichenden Grund bei Leibniz und Schopenhauer.
- Manche wollen die Welt verändern: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ (Marx, Thesen über Feuerbach, 1845)
Viel Lärm um nichts
Nach den menschenverachtenden Verbrechen der Nazis ging bei vielen Philosophen die Frage um: Was bringt Aufklärung überhaupt? Das selbsternannte Volk der Dichter und Denker war über Nacht zum Volk der Richter und Henker geworden, und selbst ein Philosoph vom Rang Heideggers war 1933 in die NSDAP eingetreten.18 Wenn klassische Bildung und Philosophie solche Monster nicht verhindern, wozu dann philosophieren? Adorno antwortete nicht mit weniger, sondern mit einer anderen Aufklärung: „Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung.“19 Bildung schützt also nicht von selbst; sie hilft nur, wenn sie das eigene Urteil schärft, statt es bloß zu schmücken.
Chinesische Philosophien
Die großen chinesischen Schulen entstanden in einer Zeit des Chaos, der Zeit der Streitenden Reiche (ca. 475 bis 221 v. Chr.). Kein Wunder, dass ihre Leitfrage die Stabilität war: Wie schafft man Ordnung im Staat, in der Familie und im eigenen Leben? Der Konfuzianismus setzte auf Menschlichkeit, Bildung und Riten, der Daoismus (Laozi, Zhuangzi) auf das Nicht-Eingreifen im Einklang mit dem Lauf der Dinge, der Legalismus auf strenge Gesetze und Strafen. Der Mohismus entwickelte dazu eine eigene Kultur des Argumentierens (siehe Geschichte des kritischen Denkens). Nach der Reichseinigung wurde der Konfuzianismus für zwei Jahrtausende zur Staatsphilosophie.
Indische Philosophien
Das Sanskrit-Wort für Philosophie, darśana, bedeutet „Sicht“ oder „Anschauung“, und oft geht es um mehr als Erkenntnis: um die Befreiung (mokṣa) aus dem Kreislauf von Leiden und Wiedergeburt. Man unterscheidet Schulen, die die Autorität der Veden anerkennen (etwa Nyāya, Sāṃkhya, Yoga und Vedānta), von solchen, die sie ablehnen: Buddhismus, Jainismus und die materialistischen Cārvāka. Die Nyāya-Schule entwickelte eine ausgefeilte Logik und Theorie des Streitgesprächs, mit genauen Regeln dafür, wann eine Schlussfolgerung gültig ist. Die Jainas lehrten die „Vielseitigkeit“ der Wirklichkeit (anekāntavāda), bekannt aus dem Gleichnis von den Blinden, die einen Elefanten betasten und jeder etwas anderes beschreiben.
Afrikanische Philosophien
Lange wurde bestritten, dass es afrikanische Philosophie überhaupt gibt; Hegel etwa sprach Afrika jede Geschichte ab.20 Tatsächlich wurde viel Denken mündlich weitergegeben, in Sprichwörtern, Erzählungen und Gesprächen mit Weisen, was später die „Sage Philosophy“ systematisch erforschte. Umstritten ist, ob man aus solchen Überlieferungen eine kollektive „Ethnophilosophie“ ableiten darf oder ob Philosophie immer kritische Einzelstimmen braucht.21 Ein bekanntes Beispiel für afrikanisches Denken ist Ubuntu: „Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen.“ Und mit Zera Yacob gibt es schon im 17. Jahrhundert eine äthiopische Stimme, die Religionen am Maßstab der Vernunft prüft.
Article en français | Article in English