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Geschichte und Quellen des Kritischen Denkens

Viele Bäche speisen den Strom​

Les petits ruisseaux font les grandes rivières.

Das Wort „kritisch“ geht auf das griechische krínein zurück: unterscheiden, scheiden, urteilen. Als pädagogisches Leitbild ist „Critical Thinking“ dagegen recht jung. John Dewey verwendet den Ausdruck 1910 in How We Think als Bezeichnung für ein Bildungsziel.1 Die Denkpraktiken dahinter sind sehr viel älter: fragen, prüfen, Gründe verlangen, Widersprüche aufdecken, Autoritäten hinterfragen, Schein von Wissen unterscheiden, eigene Vorurteile erkennen und Urteile revidieren.

Diese Praktiken haben keinen einzelnen Ursprung und keine gerade Ahnenreihe. Wie ein Strom aus vielen Bächen speist sich das kritische Denken aus vielen Traditionen: aus der griechischen und europäischen Philosophie ebenso wie aus chinesischen, indischen, islamisch-arabischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Quellen. Die Vordenker:innen auf dieser Seite verfolgten sehr verschiedene Ziele. Manche suchten religiöse Wahrheit, andere wissenschaftliche Erkenntnis, politische Freiheit oder ein gelungenes Leben. Jede und jeder von ihnen hat aber einen Baustein beigetragen, der heute zum Werkzeugkasten des kritischen Denkens gehört.

Zwei Überblicke zeigen zuerst, wie diese Bausteine zusammenhängen: „Der rote Faden“ liest die Geschichte als Abfolge von Fragen, „Verschiedene Aspekte“ ordnet die Personen nach Schwerpunkten. Danach folgen die Porträts in zeitlicher Reihenfolge, jeweils mit den wichtigsten Werken und dem Baustein, den die Person hinterlassen hat.

Der rote Faden​

Wenn man die Porträts nicht als Liste, sondern als Entwicklungsgeschichte liest, entsteht etwas Interessantes:

Phasezentrale Frage
Sokrates„Warum glaubst du das?“
Aristoteles„Ist der Schluss logisch gültig?“
Nāgārjuna / Sextus„Welche Gründe sprechen auch für die Gegenposition?“
Ibn al-Haytham„Können wir es empirisch prüfen?“
Ibn Khaldūn„Ist diese Quelle überhaupt plausibel?“
Montaigne / Bacon„Welche Vorurteile verzerren mein Urteil?“
Descartes / Hume„Wie sicher kann ich eigentlich sein?“
Spinoza / Kant„Warum sollte ich einer Autorität glauben?“
Wollstonecraft / Mill„Welche gesellschaftlichen Überzeugungen werden nie geprüft?“
Dewey„Wie kann man kritisches Denken lernen?“
Arendt„Wie können wir unter sozialem Druck selbst urteilen?“
Freire„Wie kann kritisches Denken Menschen befähigen, ihre Welt zu verändern?“
Foucault„Wer bestimmt, was als wahr gilt?“
Kahneman / Tversky„Welche Denkfehler machen wir systematisch?“
Sagan„Wie erkenne ich Unsinn?“
Sokal / Bricmont„Halten auch die Kritiker ihren eigenen Maßstäben stand?“
Paul / Elder, Facione„Nach welchen Standards prüfe ich mein Denken?“
Baillargeon / Bronner„Wie verteidige ich mich gegen Manipulation und Desinformation?“

Verschiedene Aspekte des Kritischen Denkens​

Diese Denker:innen haben auf verschiedene Weisen kritisches Denken geprägt:

  • Logik & Methode: Aristoteles, Descartes, Spinoza (Systematisierung von Argumenten).
  • Skepsis & Hinterfragung: Sokrates, Sextus Empiricus, Voltaire, Sokal und Bricmont (Hinterfragen von Autoritäten und Dogmen).
  • Ethische Reflexion: Konfuzius, Buddha, Kant (Selbstprüfung und moralische Autonomie).
  • Sozialpolitische Kritik: Wollstonecraft, Fanon, Arendt (Kritik an Unterdrückung, Kolonialismus, Totalitarismus).
  • Wissenschaft & Empirismus: Ibn Rushd, Locke, Hypatia, Sagan (Betonung von Erfahrung und Beweisen).
  • Psychologie des Denkens: Kahneman und Tversky, Bronner (systematische Denkfehler und wie sich Überzeugungen verbreiten).

Vordenker:innen​

Antike​

Konfuzius (China, ca. 551–479 v. Chr.)​

Lernen und Denken gehören zusammen. Überliefertes Wissen soll nicht einfach auswendig gelernt, sondern verstanden und mit der eigenen Urteilskraft verarbeitet werden. Lernen ohne Nachdenken ist für Konfuzius ebenso unzureichend wie Nachdenken ohne Lernen. Das macht ihn zu einem frühen Vertreter einer reflektierten Bildung.2

Werk: Lunyu (Analekten)

Baustein: Lernen und Selbstprüfung.

Der Buddha (Indien, ca. 5.–4. Jh. v. Chr.)​

Im Kālāma-Sutta rät der Buddha, nichts allein wegen Tradition, Hörensagen, Autorität oder heiliger Schriften zu glauben, sondern selbst zu prüfen, was zu Nutzen oder Schaden führt. Das ist einer der frühesten ausdrücklichen Aufrufe, selbst zu prüfen, statt Autoritäten zu glauben.

Werk: keine eigenen Schriften; überliefert im Pali-Kanon, besonders im Kālāma-Sutta

Baustein: Eigene Prüfung statt Autoritätsglauben.

Sokrates (Griechenland, ca. 469–399 v. Chr.)​

Mit Sokrates beginnt eine der wichtigsten Linien überhaupt. Er verkündet keine Lehre, sondern stellt Fragen. Mit dem Elenchos prüft er Behauptungen: Er lässt seine Gesprächspartner Gründe nennen und zeigt, wo ihre Aussagen einander widersprechen.

Seine zentrale Leistung für das kritische Denken ist eine Haltung: „Was genau meinst du? Woher weißt du das? Passt das zu dem, was du sonst behauptest?“ Dazu gehört intellektuelle Bescheidenheit, sprichwörtlich geworden als „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Im „sokratischen Fragen“ lebt diese Methode bis heute weiter.3

Werke: keine eigenen Schriften; überliefert vor allem durch Platons Apologie, Euthyphron, Laches, Gorgias

Baustein: Fragen, Begriffe klären, Widersprüche entdecken.

Mozi (China, ca. 5. Jh. v. Chr.)​

Mozi und die Mohisten sind im Westen erstaunlich wenig bekannt. Dabei entwickelten sie in China sehr früh eine ausdrückliche Kultur des Argumentierens. Sie suchten nach nachvollziehbaren Kriterien für richtiges Handeln und entwickelten Schritt-für-Schritt-Argumente, Diskussionstechniken und frühe Formen des Analogieschlusses. Moralische und politische Fragen sollten durch Diskussion und begründete Untersuchung geklärt werden.4

Werk: Mozi

Baustein: Argumente statt bloßer Autorität.

Aristoteles (Griechenland, 384–322 v. Chr.)​

Bei Aristoteles wird aus der Kunst des Argumentierens eine systematische Theorie des Schlussfolgerns. Er begründete die formale Logik (Syllogistik) und unterschied gültige von ungültigen Schlüssen. In den Sophistischen Widerlegungen analysierte er Fehlschlüsse und scheinbar gute Argumente.5 Damit lieferte er das Handwerkszeug, das bis heute zum Kern jedes Trainings im kritischen Denken gehört: Argumente analysieren und Trugschlüsse erkennen.

Werke: die Schriften des Organon, besonders Analytica priora, Analytica posteriora, Topik, Sophistische Widerlegungen

Baustein: Logische Struktur von Argumenten.

Wang Chong (China, 27–ca. 100 n. Chr.)​

In seinem Lunheng widerlegt Wang Chong systematisch und mit Erfahrungsargumenten Aberglauben, Wunderberichte und bloße Autoritätsargumente. Statt sich auf die Alten zu berufen, verlangt er Belege. Er zeigt, dass naturalistische Skepsis und Kritik am Aberglauben keine europäische Erfindung sind.

Werk: Lunheng („Kritische Erörterungen“)

Baustein: Belege statt Berufung auf die Alten.

Nāgārjuna (Indien, ca. 150–250)​

Nāgārjuna ist ein besonders spannender Vorfahre aus der indischen Philosophie. Er untersucht, wie uns scheinbar selbstverständliche Begriffe täuschen können. In der Mūlamadhyamakakārikā führt er Argumente so weit, dass vermeintlich feste Kategorien und Gegensätze ihre Selbstverständlichkeit verlieren.

Die Madhyamaka-Tradition entwickelt dabei eine radikale Kritik an der Annahme, Dinge besäßen eine unabhängige, unveränderliche eigene Natur.6

Werk: Mūlamadhyamakakārikā (Grundverse zum Mittleren Weg)

Baustein: Begriffe selbst kritisch untersuchen.

Sextus Empiricus (Römisches Reich, ca. 2.–3. Jh. n. Chr.)​

Sextus ist einer der großen Vorfahren des methodischen Skeptizismus. Er sammelt Argumente für und gegen eine Position. Erscheinen beide Seiten gleich überzeugend, soll man das Urteil zunächst aussetzen (epoché).

Für das kritische Denken ist gerade diese Fähigkeit wichtig: nicht zu schnell urteilen. Skepsis heißt hier nicht, alles für falsch zu halten, sondern die eigene Gewissheit zu kontrollieren.7

Werk: Grundzüge des Pyrrhonismus

Baustein: Zweifel, Gegenargumente, Urteilszurückhaltung.

Hypatia von Alexandria (Ägypten, ca. 360–415)​

Hypatia lehrte Mathematik, Astronomie und Philosophie und verteidigte rationales Denken in einer Zeit heftiger religiöser Konflikte. 415 wurde sie von einem christlichen Mob ermordet. Seitdem gilt sie als Symbol für freie Wissenschaft und für den Widerstand gegen Intoleranz.

Werk: keine erhaltenen Schriften; bekannt durch historische Berichte

Baustein: Vernunft und Wissenschaft gegen Dogmatismus.

Mittelalter​

Al-Fārābī (Zentralasien/Bagdad, ca. 872–950)​

Al-Fārābī verband die griechische Logik und Philosophie (Aristoteles, Platon) mit der islamischen Theologie. Die Vernunft war für ihn ein Werkzeug, um auch die Offenbarung auszulegen. Als bedeutender Aristoteles-Kommentator erhielt er den Beinamen „der zweite Lehrer“.

Werke: Der Musterstaat (Ārāʾ ahl al-madīna al-fāḍila), Kommentare zu Aristoteles

Baustein: Vernunft als Maßstab der Auslegung.

Ibn al-Haytham / Alhazen (Basra/Kairo, ca. 965–1040)​

Mit Ibn al-Haytham kommt eine weitere wichtige Linie hinzu: kritisches Denken als empirische Untersuchung. In seinem Buch der Optik verbindet er methodischen Zweifel mit Beobachtung, mathematischen Modellen und gezielten Experimenten. Entscheidend ist dabei das experimentelle Prüfen einer Hypothese.8 Wer die Wahrheit sucht, so Ibn al-Haytham, muss auch die anerkannten Autoritäten kritisch prüfen.

Damit wird er lange vor Bacon zu einem Wegbereiter der wissenschaftlichen Methode:

Nicht: „Aristoteles hat es gesagt.“

sondern:

„Welche Beobachtung oder welches Experiment würde zeigen, dass es stimmt?“

Werke: Buch der Optik (Kitāb al-Manāẓir), Zweifel an Ptolemäus (al-Shukūk ʿalā Baṭlamyūs)

Baustein: Hypothese → Test → Evidenz.

Peter Abaelard (Frankreich, 1079–1142)​

In Sic et Non stellt Abaelard einander widersprechende Aussagen kirchlicher Autoritäten nebeneinander und erzwingt so das abwägende Prüfen: „Durch Zweifeln kommen wir zum Fragen, durch Fragen zur Wahrheit.“ Damit machte er den methodischen Zweifel zu einer Grundlage der scholastischen Methode.

Werk: Sic et Non

Baustein: Widersprüche zwischen Autoritäten offenlegen und abwägen.

Ibn Rushd / Averroes (Al-Andalus, 1126–1198)​

Ibn Rushd ist eine Schlüsselfigur zwischen griechischer, islamischer, jüdischer und später europäischer Philosophie. Er verteidigte die Möglichkeit rationaler Erkenntnis und arbeitete intensiv mit Aristoteles. Zugleich unterschied er verschiedene Formen des Argumentierens: strenge Demonstration, Dialektik und Rhetorik.9

In der Entscheidenden Abhandlung begründet er, warum philosophisches Nachdenken mit dem Glauben vereinbar und sogar geboten ist; in der Inkohärenz der Inkohärenz verteidigt er die Philosophie gegen al-Ghazālīs Angriff. Über lateinische Übersetzungen prägte der „Averroismus“ die Debatten der mittelalterlichen Universitäten. Ein schöner Brückenfall: geografisch Europa, kulturell arabisch-islamisch.

Werke: Entscheidende Abhandlung (Faṣl al-maqāl), Die Inkohärenz der Inkohärenz (Tahāfut al-tahāfut), Aristoteles-Kommentare

Baustein: Vernunft als eigenständige Instanz der Prüfung.

Wilhelm von Ockham (England, ca. 1287–1347)​

„Ockhams Rasiermesser“: Von konkurrierenden Erklärungen ist die sparsamste vorzuziehen; überflüssige Annahmen sind zu streichen. Das Prinzip ist bis heute ein zentrales Werkzeug, um Theorien und Behauptungen kritisch zu bewerten.

Werk: Summa Logicae

Baustein: Sparsamkeit der Erklärung.

Ibn Khaldūn (Tunis/Nordafrika, 1332–1406)​

In der Muqaddima fragt Ibn Khaldūn, wie man historische Berichte darauf prüfen kann, ob sie überhaupt plausibel sind. Überlieferte Geschichten sollen nicht einfach übernommen werden; man muss sie mit sozialen Strukturen, wirtschaftlichen Bedingungen und menschlichem Verhalten abgleichen. Sein erklärtes Ziel ist, durch kritische Untersuchung zwischen wahren und falschen historischen Berichten zu unterscheiden.10

Dabei sucht er nach den Ursachen sozialer und wirtschaftlicher Prozesse, etwa mit dem Konzept der ʿasabiyya, des Gruppenzusammenhalts. Er gilt deshalb als Pionier einer quellenkritischen Geschichts- und Sozialwissenschaft.

Werk: Muqaddima

Baustein: Quellenkritik und Plausibilitätsprüfung.

Christine de Pizan (Frankreich, 1364–ca. 1430)​

Christine de Pizan war eine der ersten Frauen, die Bildung und kritisches Denken für Frauen forderten. In der Stadt der Frauen widerspricht sie den frauenfeindlichen Urteilen gelehrter Autoritäten und hinterfragt die gesellschaftlichen Rollenbilder ihrer Zeit.

Werk: Le Livre de la Cité des Dames (Das Buch von der Stadt der Frauen)

Baustein: Rollenbilder und die Autoritäten dahinter hinterfragen.

Frühe Neuzeit​

Michel de Montaigne (Frankreich, 1533–1592)​

Montaigne macht das eigene Urteil selbst zum Gegenstand der Untersuchung. In den Essais prüft er nicht nur die Welt, sondern auch sich selbst: Warum glaube ich das? Woher stammt meine Überzeugung? Wie stark hängt mein Urteil von Gewohnheit, Kultur oder Erziehung ab?

Die Essais sind deshalb eine Art Laboratorium der persönlichen Urteilskraft.11

Werk: Essais

Baustein: Selbstreflexion und intellektuelle Bescheidenheit.

Francis Bacon (England, 1561–1626)​

Bacon richtet die Kritik direkt auf die Fehlerquellen unseres Denkens. Im Novum Organum beschreibt er die berühmten „Idole“: systematische Verzerrungen, die aus der menschlichen Natur, der Sprache, der individuellen Perspektive oder überlieferten Weltbildern entstehen. Damit benannte er kognitive Verzerrungen Jahrhunderte vor der Psychologie.

Wissen soll deshalb auf Beobachtung, Experiment und Induktion beruhen und nicht auf unkritisch übernommenen Denkgebäuden.12

Werk: Novum Organum

Baustein: Bias erkennen und empirisch kontrollieren.

René Descartes (Frankreich, 1596–1650)​

Descartes macht den Zweifel zur Methode. In den Meditationen und im Discours de la méthode fragt er: Was kann ich wirklich als sicher akzeptieren? Er prüft seine Überzeugungen systematisch auf mögliche Gründe des Zweifels und verwirft alles Bezweifelbare, bis er beim unerschütterlichen „Ich denke, also bin ich“ (cogito ergo sum) ankommt.

Dabei formuliert er methodische Regeln: nichts als wahr annehmen, was nicht klar und geprüft ist; Probleme zerlegen; beim Einfachen beginnen; schrittweise vorgehen.13

Werke: Discours de la méthode, Meditationes de prima philosophia

Baustein: Systematisches Zweifeln und methodisches Vorgehen.

Zera Yacob (Äthiopien, 1599–1692)​

In der Hatäta prüft Zera Yacob mit dem „Licht der Vernunft“ die konkurrierenden Religionen und verwirft, was der Vernunft und der Gleichheit der Menschen widerspricht. Damit ist er eine eigenständige afrikanische Stimme der Aufklärung, fast zeitgleich mit Descartes.

Die Echtheit des Textes ist unter Fachleuten allerdings umstritten: ein guter Anlass, kritisches Denken gleich am Beispiel selbst zu üben.

Werk: Hatäta („Untersuchung“)

Baustein: Religiöse Überlieferung am Maßstab der Vernunft prüfen.

John Locke (England, 1632–1704)​

Locke gilt als Begründer des modernen Empirismus: Erkenntnis stammt aus der Erfahrung. Seine politischen Schriften verlangen, dass sich Autorität rechtfertigt, und sein Brief über die Toleranz tritt für religiöse Duldung ein.

Werke: An Essay Concerning Human Understanding, Two Treatises of Government (Zwei Abhandlungen über die Regierung), A Letter Concerning Toleration (Ein Brief über Toleranz)

Baustein: Erfahrung als Prüfstein; Autorität muss sich rechtfertigen.

Baruch de Spinoza (Niederlande, 1632–1677)​

Spinoza bringt kritisches Denken auf das Gebiet von Religion, Bibelauslegung und politischer Freiheit. Im Theologisch-politischen Traktat liest er die Bibel historisch-kritisch, statt ihre Aussagen als philosophische oder naturwissenschaftliche Wahrheiten zu behandeln, und trennt den Glauben von nachprüfbarem Wissen.

Zugleich verteidigt er die Freiheit zu philosophieren, also die Denk- und Redefreiheit.14 Damit ist er ein früher Pionier der Text- und Ideologiekritik.

Werk: Tractatus theologico-politicus (Theologisch-politischer Traktat)

Baustein: Autoritätskritik und freie Untersuchung.

Aufklärung​

Voltaire (Frankreich, 1694–1778)​

Für Voltaire ist Aufklärung Kritik. Mit Spott und Satire prangerte er religiösen Fanatismus, Absolutismus und soziale Ungerechtigkeit an und setzte sich für Meinungsfreiheit und Toleranz ein.

Werke: Candide ou l'Optimisme, Traité sur la tolérance (Abhandlung über die Toleranz)

Baustein: Satire als Waffe gegen Fanatismus.

David Hume (Schottland, 1711–1776)​

Hume stellt eine unangenehme Frage: Wie sicher sind unsere Schlussfolgerungen aus Erfahrung überhaupt? Seine Analyse von Ursache und Wirkung führt zum berühmten Induktionsproblem: Wir beobachten nur Regelmäßigkeiten, keinen zwingenden Zusammenhang. Nur weil etwas bisher immer passiert ist, folgt logisch nicht, dass es auch morgen passiert.15

Dazu kommen seine Kritik an Wunderberichten („Ein weiser Mensch bemisst seinen Glauben nach der Evidenz“) und die Unterscheidung von Sein und Sollen. Hume wird so zum Großvater der modernen epistemischen Bescheidenheit: Viele unserer Überzeugungen beruhen auf Gewohnheit und Wahrscheinlichkeit, nicht auf Gewissheit.

Werke: A Treatise of Human Nature, An Enquiry Concerning Human Understanding

Baustein: Evidenz ≠ Gewissheit.

Immanuel Kant (Preußen, 1724–1804)​

Mit Kant bekommt kritisches Denken eine neue Bedeutung: Aufklärung heißt, selbst zu denken. In Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? fordert er: Sapere aude! „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Besonders wichtig ist seine Idee des öffentlichen Gebrauchs der Vernunft: Denken muss sich öffentlich rechtfertigen und Kritik standhalten können.16

In seinen drei Kritiken prüft die Vernunft ihre eigenen Grenzen und Bedingungen. So gab Kant dem Wort „Kritik“ seine moderne Bedeutung: die Bedingungen des eigenen Erkennens prüfen.

Werke: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, Kritik der reinen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft, Kritik der Urteilskraft

Baustein: Autonomie des Urteilens + öffentliche Prüfung.

Mary Wollstonecraft (England, 1759–1797)​

Wollstonecraft stellt die kritische Frage: Sind gesellschaftliche Unterschiede tatsächlich natürlich, oder werden sie durch Erziehung erzeugt? In A Vindication of the Rights of Woman argumentiert sie, dass Frauen nicht von Natur aus weniger vernünftig seien. Ihre angebliche Unterlegenheit sei ein Produkt von Erziehung, gesellschaftlicher Stellung und fremden Interessen.17

Damit wendet sie kritisches Denken auf gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten und Machtverhältnisse an und richtet die Aufklärung gegen ihre eigenen blinden Flecken.

Werk: A Vindication of the Rights of Woman

Baustein: Gesellschaftliche Normen selbst zum Prüfgegenstand machen.

19. Jahrhundert​

John Stuart Mill (England, 1806–1873)​

Mill macht die freie Auseinandersetzung von Meinungen zu einem Erkenntnisinstrument. In On Liberty argumentiert er, dass eine Gesellschaft auch falsche oder unbequeme Meinungen nicht unterdrücken sollte. Eine unterdrückte Meinung könnte wahr sein oder einen Teil der Wahrheit enthalten. Und selbst wenn sie falsch ist, zwingt sie die Mehrheit, die eigenen Gründe zu prüfen, statt ihre Überzeugungen als tote Dogmen zu pflegen.

Freie Diskussion wird dadurch nicht nur zu einem politischen Recht, sondern zu einer Methode der Erkenntnisgewinnung.18

Werk: On Liberty

Baustein: Widerspruch als Erkenntnisquelle.

Karl Marx (Deutschland, 1818–1883)​

Marx betreibt Ideologiekritik: Er liest scheinbare Selbstverständlichkeiten als Ausdruck von Interessen und Machtverhältnissen. Hinter Aussagen nach Interessen und Herrschaft zu fragen, ist seitdem eine Grundfigur jeder Ideologie- und Machtkritik.

Werke: Die deutsche Ideologie (mit Friedrich Engels), Zur Kritik der politischen Ökonomie, Das Kapital

Baustein: Nach den Interessen hinter Ideen fragen.

Friedrich Nietzsche (Deutschland, 1844–1900)​

Nietzsche nimmt Werte nicht als gegeben hin, sondern fragt nach ihrer Herkunft und Funktion. Er treibt das Hinterfragen bis zu den Werten selbst; die Götzen-Dämmerung trägt den Untertitel „Wie man mit dem Hammer philosophirt“. Paul Ricœur zählte ihn zusammen mit Marx und Freud zu den drei „Meistern des Verdachts“ (De l'interprétation. Essai sur Freud, 1965).

Werke: Zur Genealogie der Moral, Götzen-Dämmerung

Baustein: Nach Herkunft und Funktion von Werten fragen.

20. Jahrhundert​

John Dewey (USA, 1859–1952)​

Hier sind wir beim eigentlichen Großvater des modernen pädagogischen Critical Thinking. In How We Think (1910) beschreibt Dewey „reflective thinking“ als aktives, anhaltendes und sorgfältiges Prüfen einer Überzeugung anhand der Gründe, die sie stützen, und der Konsequenzen, zu denen sie führt.

Die moderne Diskussion über Critical Thinking in der Bildung knüpft direkt an diese Tradition an.1

Werk: How We Think

Baustein: Kritisches Denken als erlernbare Denkkompetenz.

Rabindranath Tagore (Indien, 1861–1941)​

Tagore war Dichter und Philosoph. Er verteidigte kulturelle Vielfalt und menschliche Solidarität gegen Dogmen und Spaltungen und kritisierte Kolonialismus ebenso wie Nationalismus. Seine Schriften fordern kreatives und freies Denken.

Werke: Gitanjali (Gedichtsammlung), Nationalism, The Religion of Man

Baustein: Freies Denken gegen nationalistische Engführung.

Die Frankfurter Schule (Deutschland/USA, ab den 1930er-Jahren)​

Max Horkheimer (1895–1973) prägte 1937 den Begriff „Kritische Theorie“. In der Dialektik der Aufklärung zeigen er und Theodor W. Adorno (1903–1969), dass auch Vernunft und Fortschritt in Herrschaft umschlagen können; sie kritisieren die instrumentelle Vernunft und die „Kulturindustrie“. Damit gaben sie dem Wort „kritisch“ seine gesellschaftskritische, emanzipatorische Bedeutung: Denken, das auf Veränderung zielt.

Werke: Horkheimer: Traditionelle und kritische Theorie; Horkheimer/Adorno: Dialektik der Aufklärung

Baustein: Die Vernunft selbst auf Herrschaft hin befragen.

Karl Popper (Wien/London, 1902–1994)​

Popper begründete den Kritischen Rationalismus. Nach seinem Falsifikationsprinzip ist wissenschaftlich, was sich widerlegen lässt; Wissen wächst durch Vermutungen und Widerlegungen. Damit machte er die Kritik zum Motor des Erkenntnisfortschritts: Nicht die Bestätigung zählt, sondern die ehrliche Suche nach der Widerlegung. In Die offene Gesellschaft und ihre Feinde überträgt er diese Haltung auf die Politik.

Werke: Logik der Forschung, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Vermutungen und Widerlegungen

Baustein: Widerlegung suchen, nicht Bestätigung.

Hannah Arendt (Deutschland/USA, 1906–1975)​

Arendt fügt eine wichtige Dimension hinzu: Man kann wissen, ohne wirklich zu denken. In The Life of the Mind und ihren Arbeiten über Urteilskraft untersucht sie das Verhältnis zwischen Denken, Selbstprüfung und moralischem Urteil. Denken soll die selbstverständlichen Kategorien lockern, die unser Urteil bestimmen.

Besonders wichtig ist ihre Vorstellung vom Urteilen aus verschiedenen Perspektiven: Wir müssen versuchen, nicht ausschließlich vom eigenen Standpunkt aus zu denken.19

Werke: Eichmann in Jerusalem, The Life of the Mind (Vom Leben des Geistes)

Baustein: Denken gegen Konformismus und „Gedankenlosigkeit“.

Paulo Freire (Brasilien, 1921–1997)​

Freire überträgt kritisches Denken in die Pädagogik und gesellschaftliche Emanzipation. In der Pädagogik der Unterdrückten kritisiert er das traditionelle Modell, in dem Lehrende Wissen „in“ passive Lernende hineinschütten. Lernen soll stattdessen dialogisch sein und Menschen befähigen, ihre gesellschaftliche Wirklichkeit selbst zu untersuchen.

Sein Konzept der conscientização, der kritischen Bewusstwerdung, verbindet Lernen, Reflexion und die Fähigkeit, die eigene soziale Situation zu verstehen.20

Werk: Pedagogia do Oprimido (Pädagogik der Unterdrückten)

Baustein: Kritisches Denken als dialogischer und emanzipatorischer Bildungsprozess.

Frantz Fanon (Martinique/Algerien, 1925–1961)​

Schon in Schwarze Haut, weiße Masken untersucht Fanon, wie Rassismus das Selbstbild der Kolonisierten prägt. In Die Verdammten dieser Erde analysiert er die psychologischen und politischen Folgen des Kolonialismus und fordert Befreiung durch Bewusstseinsbildung. Seine Schriften gehören zu den Grundlagen der postkolonialen Theorie und der kritischen Rassismusforschung.

Werke: Peau noire, masques blancs (Schwarze Haut, weiße Masken), Les Damnés de la Terre (Die Verdammten dieser Erde)

Baustein: Koloniale Denkmuster aufdecken.

Michel Foucault (Frankreich, 1926–1984)​

Foucault fragt, wie Wissen und Macht zusammenhängen: Wer legt fest, was in einer Epoche als wahr, normal oder vernünftig gilt? In seinen historischen Studien über Wahnsinn, Gefängnis und Sexualität zeigt er, dass scheinbar neutrale Kategorien aus Diskursen und Institutionen hervorgehen und Menschen ordnen, einteilen und kontrollieren.

In seinem Vortrag „Was ist Kritik?“ (1978) bestimmt er Kritik als „die Kunst, nicht dermaßen regiert zu werden“. Damit schließt er ausdrücklich an Kants Frage nach der Aufklärung an.

Werke: Les Mots et les choses (Die Ordnung der Dinge), Surveiller et punir (Überwachen und Strafen), Qu'est-ce que la critique? (Was ist Kritik?)

Baustein: Fragen, wer bestimmt, was als wahr gilt.

Daniel Kahneman und Amos Tversky (Israel/USA, 1934–2024 und 1937–1996)​

Die beiden Psychologen haben in Experimenten gezeigt, dass Menschen nicht zufällig, sondern systematisch falsch urteilen. Unter Unsicherheit greifen wir auf Faustregeln (Heuristiken) zurück, etwa auf das, was uns gerade leicht einfällt, oder auf eine zufällig genannte Zahl als Anker. Diese Faustregeln sind meist nützlich, führen aber zu vorhersagbaren kognitiven Verzerrungen.

Was Bacon mit seinen „Idolen“ philosophisch beschrieben hatte, wurde so zum Gegenstand empirischer Forschung. Kahneman erhielt dafür 2002 den Wirtschaftsnobelpreis; Tversky war bereits verstorben. In Schnelles Denken, langsames Denken fasst Kahneman die Forschung mit dem Bild zweier Denksysteme zusammen: einem schnellen, intuitiven und einem langsamen, prüfenden.

Werke: Tversky/Kahneman: Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases (1974); Kahneman: Thinking, Fast and Slow (Schnelles Denken, langsames Denken, 2011)

Baustein: Die eigenen Denkfehler kennen, weil sie vorhersagbar sind.

Carl Sagan (USA, 1934–1996)​

Der Astronom und Wissenschaftsvermittler brachte skeptisches Denken einem breiten Publikum nahe. In Der Drache in meiner Garage stellt er sein „Baloney Detection Kit“ vor, einen Werkzeugkasten gegen Unsinn: unabhängige Bestätigung der Fakten suchen, mehrere Hypothesen prüfen, Autoritätsargumenten misstrauen, fragen, ob eine Behauptung überhaupt widerlegbar ist.

Berühmt wurde sein Satz „Außergewöhnliche Behauptungen erfordern außergewöhnliche Belege“. Er greift Humes Grundsatz auf, den Glauben nach der Evidenz zu bemessen.

Werke: Cosmos (Buch und Fernsehserie, 1980), The Demon-Haunted World (Der Drache in meiner Garage, 1995)

Baustein: Wissenschaftliche Skepsis als Werkzeug für den Alltag.

Alan Sokal und Jean Bricmont (USA/Belgien, geb. 1955 und 1952)​

Die beiden Physiker richten das kritische Denken auf die Kritiker selbst. 1996 reichte Sokal bei der Kulturzeitschrift Social Text einen Aufsatz über eine angeblich „transformative Hermeneutik der Quantengravitation“ ein. Der Text war eine bewusst unsinnige Parodie auf postmodernen Jargon. Die Zeitschrift druckte ihn trotzdem, ohne Fachleute aus der Physik zu befragen. Er klang gelehrt und bestätigte die Überzeugungen der Herausgeber. Kurz darauf machte Sokal den Schwindel öffentlich.

In Impostures intellectuelles dokumentieren Sokal und Bricmont anschließend, wie bekannte Denker wie Jacques Lacan, Julia Kristeva, Jean Baudrillard oder Gilles Deleuze und Félix Guattari Begriffe aus Mathematik und Physik verwenden, oft ohne sie zu verstehen, und wie viel davon auf bloßen Eindruck zielt. Zugleich kritisieren sie einen erkenntnistheoretischen Relativismus, für den es keine Tatsachen mehr gibt, sondern nur noch Deutungen.21

Die Lehre daraus reicht über die Postmoderne hinaus: Auch wer sich als Aufklärer versteht und „mit dem Hammer philosophiert“, kann Autoritätsgläubigkeit, Imponierjargon und Selbstbestätigung erliegen. Kritisches Denken, das sich selbst nicht prüft, wird zur Pose.

Werke: Sokal: Transgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravity (1996); Sokal/Bricmont: Impostures intellectuelles (1997; dt. Eleganter Unsinn, 1999)

Baustein: Auch die Kritiker kritisch prüfen.

Gegenwart: Kritisches Denken als Forschungs- und Bildungsfeld​

Seit den 1980er-Jahren ist kritisches Denken selbst zum Gegenstand von Forschung geworden. Philosoph:innen und Bildungsforscher:innen streiten darüber, wie man es definiert, wie man es lehrt und wie man es messen kann.22 Andere tragen die Werkzeuge in die breite Öffentlichkeit, als Selbstverteidigung gegen Manipulation und Desinformation.

Robert Ennis (USA, geb. 1928)​

Ennis hat eine der meistzitierten Definitionen geliefert: Kritisches Denken ist „vernünftiges, reflektiertes Denken, das darauf ausgerichtet ist, zu entscheiden, was man glauben oder tun soll“. Er unterscheidet dabei Fähigkeiten (etwa Argumente analysieren, Quellen beurteilen) von Dispositionen (etwa die Neigung, nach Gründen und Alternativen zu suchen), und er entwickelte Tests, um beides zu messen.

Werke: A Taxonomy of Critical Thinking Dispositions and Abilities (1987), Critical Thinking (1996)

Baustein: Kritisches Denken definieren und messbar machen.

Richard Paul und Linda Elder (USA)​

Richard Paul (1937–2015) und Linda Elder haben mit der Foundation for Critical Thinking eines der verbreitetsten Modelle für den Unterricht entwickelt. Es zerlegt das Denken in Elemente (Zweck, Frage, Informationen, Schlussfolgerungen, Begriffe, Annahmen, Folgen, Standpunkt) und prüft sie an intellektuellen Standards wie Klarheit, Genauigkeit, Relevanz, Tiefe, Logik und Fairness. Dazu kommen intellektuelle Tugenden wie Demut, Mut und Fairness im Denken.

Werke: Critical Thinking: Tools for Taking Charge of Your Learning and Your Life; The Miniature Guide to Critical Thinking: Concepts and Tools

Baustein: Denken an klaren Standards prüfen.

Peter Facione (USA)​

Facione leitete den sogenannten Delphi-Report (1990), in dem sich 46 Expert:innen auf eine gemeinsame Beschreibung kritischen Denkens einigten. Danach umfasst es Fähigkeiten wie Interpretation, Analyse, Bewertung, Schlussfolgerung, Erklärung und Selbstregulation, getragen von Haltungen wie Neugier, Offenheit und Urteilsfreude. In seinem Essay Critical Thinking: What It Is and Why It Counts (aktualisiert 2015) macht er diese Ergebnisse allgemein zugänglich.

Werke: Critical Thinking: A Statement of Expert Consensus (Delphi-Report, 1990), Critical Thinking: What It Is and Why It Counts (2015)

Baustein: Ein gemeinsames Verständnis von kritischem Denken.

Harvey Siegel (USA, geb. 1952)​

Siegel betont, dass kritisches Denken mehr ist als eine Sammlung von Techniken. Kritisch denkt, wer sich in angemessener Weise von Gründen bewegen lässt. Dazu gehört ein „kritischer Geist“: die Bereitschaft, Gründe tatsächlich zu suchen und ernst zu nehmen, auch wenn sie gegen die eigene Meinung sprechen. Für Siegel ist kritisches Denken deshalb ein grundlegendes Bildungsideal.

Werk: Educating Reason: Rationality, Critical Thinking, and Education (1988)

Baustein: Kritisches Denken als Haltung und Bildungsideal.

Normand Baillargeon (Québec, geb. 1958)​

Der Philosoph und Erziehungswissenschaftler aus Québec hat mit seinem Petit cours d'autodéfense intellectuelle einen Klassiker für ein breites Publikum geschrieben. Er zeigt, wie man sich gegen sprachliche Tricks, irreführende Zahlen und Statistiken, schlechte Argumente und Medienmanipulation wehren kann. Kritisches Denken wird hier zur intellektuellen Selbstverteidigung (siehe auch das Kapitel Manipulation und Selbstverteidigung).

Werk: Petit cours d'autodéfense intellectuelle (2005)

Baustein: Kritisches Denken als Selbstverteidigung für alle.

Gérald Bronner (Frankreich, geb. 1969)​

Der Soziologe untersucht, warum sich Irrtümer, Verschwörungstheorien und Falschinformationen so gut verbreiten. In einem digitalen „Markt der Überzeugungen“ setzen sich oft nicht die am besten begründeten Ideen durch, sondern jene, die unseren kognitiven Neigungen am meisten schmeicheln. 2022 leitete er in Frankreich die Kommission „Les Lumières à l'ère numérique“ (Aufklärung im digitalen Zeitalter).

Werke: La Démocratie des crédules (2013), Apocalypse cognitive (2021); mit Elena Pasquinelli: Éduquer à l'esprit critique (2021)

Baustein: Verstehen, wie sich Überzeugungen im digitalen Raum verbreiten.

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Footnotes​

  1. Critical Thinking: History. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩ ↩2

  2. Confucius. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Summer 2007 Edition. ↩

  3. Socrates. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  4. Mohism. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  5. Aristotle’s Logic. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  6. Nāgārjuna. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Fall 2021 Edition. ↩

  7. Sextus Empiricus. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  8. Ibn al-Haytham’s scientific method. UNESCO Courier. ↩

  9. Ibn Rushd (Averroes). Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  10. Medieval Political Philosophy. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  11. Michel de Montaigne. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Summer 2025 Edition. ↩

  12. Francis Bacon. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Summer 2009 Edition. ↩

  13. Descartes’ Method. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  14. Baruch Spinoza. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Summer 2020 Edition. ↩

  15. The Problem of Induction. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  16. Kant’s Account of Reason. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  17. Mary Wollstonecraft. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  18. John Stuart Mill. Stanford Encyclopedia of Philosophy, Summer 2010 Edition. ↩

  19. Hannah Arendt. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩

  20. Paulo Freire. Internet Encyclopedia of Philosophy. ↩

  21. Auch das Buch blieb nicht ohne Widerspruch. Kritiker warfen den Autoren vor, Zitate aus dem Zusammenhang zu reißen, Metaphern wörtlich zu nehmen und von einem einzelnen Streich auf ganze Fachrichtungen zu schließen. Sokal und Bricmont selbst betonen, dass sie nicht das Denken der genannten Autoren insgesamt beurteilen, sondern nur den Missbrauch naturwissenschaftlicher Begriffe. Die Debatte ist damit selbst ein Lehrstück: Beide Seiten müssen sich die Prüfung gefallen lassen, die sie von der anderen verlangen. ↩

  22. Critical Thinking. Stanford Encyclopedia of Philosophy. ↩